Es folgt eine misanthropische Selbstoffenbahrung: Ich mag keine Menschen. Menschen sind doof. Menschen nerven. Ständig fordern sie etwas von einem, haben keine Ahnung von Privatsphäre und sie reden mir zu viel. Isso! Wenn ich an meine schönsten Sommerferien denke, erinnere ich mich nicht an volle Strände und Partys mit Freunden. Ich denke an diesen einen Sommer, wo meine Eltern drei Wochen in den Urlaub fuhren und mich alleine Zuhause ließen. Ich habe in diesen drei Wochen nur nachts das Haus verlassen (weil da alle anderen schliefen) und mit keiner Menschenseele gesprochen. HERRLICH! Würde ich in Japan leben, wäre ich der perfekte Hikikomori.

Quelle: Rafu.com

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Das Phänomen Hikikomori (jp. ひきこもり, bedeutet so viel wie „sich einschließen“) ist in Japan zwar nichts Neues, wird aber erst seit relativ kurzer Zeit öffentlich diskutiert. Vorher war es allen Beteiligten zu unangenehm, denn Hikikomori gelten als Loser.

Dann wurde das Problem zu groß. Das japanische Gesundheitsministerium definiert den klassischen Hikikomori als Person, „die sich weigert, das Haus ihrer Eltern zu verlassen“ – und zwar über einen Zeitraum von mindestens sechs Monaten. Für einen Menschenfeind wie mich wäre das (fast) der perfekte Lifestyle.

Biste raus, haste verkackt.

Besonders in Japan bedeuten die schätzungsweise 200.000 Hikikomori inzwischen ein echtes Dilemma für die Gesellschaft. Denn die Alten werden immer älter und die Jungen zeigen ihrer Verantwortung immer öfter den Mittelfinger. Die meisten Betroffenen sind Männer, die sich dem gesellschaftlichen Druck nicht gewachsen fühlen. Und der ist in Japan nochmal deutlich höher als bei uns im Westen. Kurz gesagt: Biste raus, haste verkackt.

Quelle: hikkichan.com

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Viele Jugendliche entscheiden sich einfach für einen kompletten Ausstieg. Das geht oft, weil ihre Eltern großen Wohlstand erwirtschaftet haben, von dem sie ihren Nachwuchs ein Leben lang problemlos versorgen können. Die unwilligen Söhne und Töchter bleiben also bei Mama und Papa wohnen, verschlafen den Tag in ihren Zimmern und brechen alle Kontakte zur Außenwelt ab. Klingt das toll oder klingt das toll?

Quelle: karapaia.livedoor.biz

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Okay, ich gebe zu: Bei meinen Eltern würde ich nicht mein Leben lang hausen wollen. Denn dann wäre ich ja auch nicht alleine. Mein eigenes Haus im Sumpf wäre nett. Oder im Wald. Jedenfalls irgendwo, wo sich nie einer hin verirrt und wo ich einfach ganz alleine sein kann. Einfach! Nur! Alleine! Sein! Und bevor jemand fragt: Nein, ich würde niemanden vermissen. Nein. Echt nicht!

Sind wir nicht alle gespaltene Persönlichkeiten?

Viele Hikikomori scheitern daran, das, was die Gesellschaft von ihnen erwartet, mit ihrer eigenen Persönlichkeit in Einklang zu bringen. Schön, wenn die eigenen Wünsche sich mit den Ansprüchen der anderen decken. Scheiße, wenn es nicht so ist. Ich zum Beispiel habe nie von einer eigenen Familie geträumt. Ich konnte mir nie vorstellen, einen Mann, ein Haus, ein Kind und einen Collie zu haben.

Quelle: hikkichan.com

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Erwähnt man das auf einer Party (falls man sich mal versehentlich auf eine verirrt), schaut man immer in erstaunte Gesichter. „Aber der Mensch ist nicht dazu gemacht, allein zu sein“, oder „irgendwann wird sich das auch bei dir noch ändern“, sind da die Standardsprüche. Und ES NERVT! Zwecklos, dann zu erklären, dass man schon als Kind nie anders getickt hat. Gespielt habe ich auch als kleiner Hosenscheißer: am liebsten allein.

Freunde? Kein Bedarf!

Die Hikikomori, die irgendwann den Schritt raus aus der Isolation unternommen haben, erzählten von ihrer immer schon extrem ausgeprägten Introvertiertheit. Dass ein Alltag unter Menschen ihnen einfach irgendwann zu anstrengend wurde. Und ich kann es so gut nachvollziehen. Andere Leute sind Stress pur für mich. Wenn Bekannte mich anrufen und etwas mit mir unternehmen wollen, stelle ich mich tot. Wenn sie sich beschweren, ich würde mich nie bei ihnen melden, breche ich den Kontakt ab. „Du bist ja so ein Arsch!“ Nein, du bist einfach zu fordernd!

Quelle: hikkichan.com

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Was mich von manch einem Hikikomori unterscheidet? Ich habe null Leidensdruck. Ich mag keine Menschen, das ist halt so. Meine eigene Gesellschaft ist mir am liebsten und nirgendwo ist es schöner als in meinem Kopf. Ich tue der Person neben mir im Bus nicht weh, wenn ich sie heimlich verachte. Isso. Und jetzt lasst mich alle in Ruhe.