Fikres Albtraum begann nach der grausamen Totgeburt ihres Kindes. Eine Woche lang lag sie in den Wehen, irgendwo in einer Hütte in Äthiopien. Das Kind steckte im Geburtskanal fest, Fikres damals 14-jähriger Körper war einfach zu schmal. Das Baby starb in ihrem Bauch und musste Stück für Stück herausgeschnitten werden. Als Fikre ein paar Tage danach aufstand, lief ihr der Urin unkontrollierbar die Beine hinunter. Auch nach Wochen konnte sie ihre Notdurft nicht einhalten; Kleider, Haut, die ganze Hütte begann in der Wüstensonne zu stinken. Und die junge Frau wurde verstoßen. Ohne zu wissen, dass tausende Frauen in Afrika ihr Schicksal teilen: Sie leiden unter einer Geburtsfistel, die ihr Leben zur Hölle macht. Was es mit diesem unbekannten und doch so häufigen Leiden auf sich hat und warum es die Betroffenen zu Aussätzigen macht, lest ihr jetzt.

„Ich habe darüber nachgedacht, Gift zu trinken“

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Wenn Fikre heute ihre Leidensgeschichte erzählt, dann, um anderen Mädchen Mut zu machen, die in genau der gleichen Situation sind, wie sie damals. Und es sind viele. 100.000 Frauen allein in Äthiopien, so die vorsichtigen Schätzungen. Ihre Freundin Ayehu sitzt still neben Fikre, Tränen stehen ihr in den Augen. Zu ihren Füßen hat sich eine Pfütze aus Urin gebildet, den sie seit sechs Jahren nicht mehr einhalten kann, egal, wie sehr sie den Beckenboden anspannt.

Die Frauen sind Leidensschwestern.

Auch Ayehu lag tagelang in den Wehen, das Kind konnte nur noch tot geboren werden. Danach kam, wie bei Fikre, die Inkontinenz, wie eine zusätzliche Strafe. Ayehu ist so verzweifelt und der Ekel vor sich selbst ist so groß, dass sie mehrmals kurz davor war, sich das Leben zu nehmen.

Die Köpfe der Kinder zerstören das Gewebe ihrer Mütter

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„Wenn der Kopf des Babys in den Geburtskanal eintritt, drückt er der Mutter dort das Blut ab. Wenn sich die Geburt über 12 Stunden hinzieht, kann das Gewebe, welches Vagina, Harnblase und Darm voneinander trennt, absterben“, sagt Dr. Catherine Hamlin, die in Äthiopiens Hauptstadt Addis Abeba das einzige Krankenhaus leitet, das solche Geburtsfisteln operiert. Durch das so entstandene Loch läuft Urin durch die Vagina nach draußen. Ist der Darm ebenfalls beschädigt, mischt sich auch noch Kot dazu. Die Qualen der Frauen sind unermesslich – übertroffen nur noch von ihrer Scham.

Das Leben der Betroffenen ist zerstört

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Im ländlichen Afrika verlieren Frauen ihre Ehre, wenn sie ihre Pflichten als Ehefrauen nicht mehr erfüllen können. Durch die Geburtsstrapazen sind die Unterleiber der Frauen und Mädchen oft so schlimm zerstört, dass sie keine Kinder mehr bekommen können. Auch für die Haus- und Feldarbeit sind sie durch ihre Inkontinenz nicht mehr zu gebrauchen; ganz zu schweigen davon, dass die Menschen sich vor dem beißenden Geruch von Urin und Kot ekeln. Und so schicken ihre Ehemänner sie meist vom Hof – mittellos, traumatisiert und ohne Hoffnung.

Eine kleine Operation, die Leben retten kann

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Ärzte und Krankenhäuser weisen die Frauen, die unter einer Geburtsfistel leiden häufig ab, weil sie sie für „unrein“ halten. Nur das Team um Dr. Catherine Hamlin nimmt sich der verlorenen Mädchen an. „In 93% der Fälle können wir den Frauen helfen“, sagt Hamlin. Wenn sie es bis ins Krankenhaus schaffen. Denn oft müssen die Betroffenen tagelang mit dem Bus fahren, ein Handtuch zwischen den Beinen und den gehässigen Blicken der anderen ausgesetzt. Fikre hat die Fahrt gewagt – und endlich ihr Leben zurück.

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