Eigentlich, ist die Geburt des eigenen Kindes der schönste Tag im Leben jeder Mutter – außer man bekommt Zwillinge und lebt auf Madagaskar. Denn während wir uns hier riesig über die doppelte Baby-Ausführung freuen, besteht für die Kinder dort Lebensgefahr. Es gibt nur zwei Optionen: Trenn dich von den Kleinen – oder hau so weit ab, dass dich niemand findet. Welcher schreckliche Aberglaube hinter dem „Fluch der Zwillinge“ steckt und wer das Leid der Mütter und ihrer Babys stoppen kann, lest ihr jetzt.

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Früher getötet, heute weggegeben

Nichts muss so schwer sein für eine Mutter, wie die Entscheidung, die eigenen Zwillinge zu ihrem Wohle weg zu geben – oder mit den Kleinen (in eine ungewisse Zukunft) wegzulaufen. Traurig, aber wahr: Dieser Entscheidung müssen sich alle Frauen auf Madagaskar stellen, die Zwillinge gebären, denn in den östlichen Regionen der Insel glauben die Einwohner, dass Zwillinge verflucht sind und Unglück bringen. Fakt ist leider auch: Nicht viele behalten ihre Kinder, denn der gesellschaftliche Aberglaube, zwei Unglücksbringer als Kinder zu haben, lastet zu schwer auf den Müttern. Außerdem werden die Babys nicht als Menschen gesehen. Verrückt, oder?!

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Was passiert mit den Zwillingen? Kurz nach der Geburt werden sie einem Kurier übergeben, der sie, vollkommen geschwächt und dem Tode nah, zu einem Waisenhaus bringt. Schlimmer steht es um Kinder, aus armen Familien, denn diese werden oft einfach am Straßenrand abgelegt, sodass sie nur mit Glück gefunden und gerettet werden können. Früher wurde sogar nach der Geburt eines der zwei Babys getötet, damit die Familie wenigstens eines behalten konnte.

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Die Sage um den „Fluch der Zwillinge“

„Jeder, der seine Zwillinge behält, hat keine Seele.“

Woher kommt dieser Aberglaube? Angelehnt ist alles an folgende Sage: Nachdem die französischen Kolonial-Mächte 1943 das östliche Volk auf Madagaskar besiegte, floh die regierende Königin und vergaß dabei eines ihrer Zwillingskinder. Sie befahl daraufhin ihren Kriegern zurückzugehen, um ihr Kind zu holen. Doch ihre gesamten Krieger wurden von französischen Soldaten massakriert. Seither gelten Zwillinge als verflucht. Belegt wurde die Sage jedoch nie.

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Waisenhaus ohne Waisenkinder.

Es gibt das Sprichwort: „Zwillinge zu behalten ist wie Scheiße zu essen.“

In Mananjary gibt es mittlerweile ein Auffangzentrum für Zwillingskinder, das mit Hilfe von Spendengeldern errichtet wurde. Der wichtigste Grundsatz dort: Es werden keine Zwillinge bei einer Adoption getrennt. Dieses Zentrum ähnelt einem Waisenhaus, nur mit dem Unterschied, dass die Kinder keine Waisen sind, sondern von ihren Eltern verstoßen wurden, die teilweise sogar ganz in der Nähe leben. Adoptiert werden die Kids von Paaren aus Frankreich, Kanada und Co. – oder von mutigen Großstadtmenschen, die sich über den alten Aberglauben hinwegsetzen.

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Retter oder Richter?

„Ich will diesen Babys nicht meinen Namen geben.“ Mit diesen Worten verließ der Vater seine Familie als seine Frau sich dafür entschied, ihre Zwillinge nicht wegzugeben. Diese Frauen müssen sofort mit ihren Kindern das Dorf verlassen. Retten kann sie nur einer: Die Dorfhäuptlinge. Nur sie haben die Möglichkeit, mit den Vorfahren zu sprechen, und diese um Erlaubnis zu bitten, sich von diesem Glauben zu lösen. Doch daran denken sie nicht. Über die Frage, ob sie das Schicksal der Babys nicht berührt, lachen sie nur.

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Gibt es noch Hoffnung?

Ja, denn selbst in Mananjary und auch anderen großen Städten Madagaskars gibt es Familien und ledige Frauen, die sich über diesen Aberglauben hinwegsetzen und Zwillinge aufnehmen. Viele Hilfsorganisationen setzen sich für Frauen ein, die sich für ihre Zwillinge entscheiden und leisten gleichzeitig viel Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit, damit in Zukunft auch die Geburt von Zwillingen gefeiert wird.

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