„Sorry Schatz, ich bekomme nur noch einen hoch, wenn ich mir beim Sex vorstelle, ich würde statt dir meine Mutter vögeln.“ So ähnlich machte ein junger Amerikaner mit seiner Ehefrau Schluss, um endlich offiziell mit seiner leiblichen Mutter anbandeln zu können. Eine Affäre hatten Mama und Sohn da schon längst, inklusive „intergalaktisch geilem Sex“ und Kinderwunsch. Inzest Deluxe als Titelstory. Und das ganze Internet kotzte seinen Ekel in die Kommentarspalten. Ben und Kim, das „Inzest-Paar“, begründeten ihre Liebe mit dem Phänomen der „Genetisch Sexuellen Anziehung“ (GSA), demzufolge zwei Menschen, die genetisch eng miteinander verwandt sind, sich besonders geil finden. Wir haben uns gefragt: Dürfen die das?

Quelle: flickr, creative commons

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Ih, pfui, bah?

Das Grundprinzip von GSA besagt: Wir umgeben uns am liebsten mit Menschen, die uns besonders ähnlich sind und sehen. Auch wenn das natürlich noch lange nicht heißt, dass wir mit unserem Vater, unserer Mutter oder unseren Geschwistern in die Kiste wollen. Dass die Meisten allein bei dem Gedanken an ein Schäferstündchen mit den eigenen Geschwistern einen Würgereiz kriegen, liegt aber weniger an den gleichen Genen, als am sogenannten Westermarck-Effekt. Nach dem schließen wir automatisch alle Personen als Sexualpartner aus, mit denen wir die ersten Jahre unserer Kindheit eng zusammengelebt haben – angeblich. Also nicht nur unsere Eltern und Geschwister, sondern auch unseren Sandkastenfreund Peter. Sorry, Peter. Allerdings: Haben wir diese wichtige Zeit nicht zusammen verbracht, finden wir u.U. unsere engsten Blutsverwandten aufgrund dieser ganzen Ähnlichkeiten furchtbar anziehend.

Liebe auf den ersten Blick

Wir wir uns Inzest-Kinder vorstellen. | Quelle: Pixabay

Wir wir uns Inzest-Kinder vorstellen. | Quelle: Pixabay

Was haben die bekannten GSA-Paare gemeinsam? Richtig: Sie sind nicht gemeinsam aufgewachsen. Als Kim mit ihrem Sohn Ben schwanger wurde, war sie 19, überfordert und gab das Baby zur Adoption frei. 32 Jahre später trafen sie sich zum ersten Mal – und landeten nach zwei Wochen zum ersten Mal miteinander in der Kiste.

Auch der bekannteste Inzestfall Deutschlands hat eine ähnliche Storyline: Bruder und Schwester lernen sich kennen, als er 23 und sie 15 ist. Es funkt, drei Kinder entstehen und der Bruder wandert wegen Inzests ins Gefängnis. Als er ein halbes Jahr dort ist, bringt seine Schwester das vierte Baby zur Welt. Drei der vier Kinder sind geistig behindert und leben in Pflegefamilien.

Inzest = behinderte Kinder

Die bekannte "Habsburger Lippe". Das kommt davon, wenn Verwandte nur Verwandte heiraten. | imgrum@women_ofhistory

Die bekannte „Habsburger Lippe“. Das kommt davon, wenn Verwandte nur Verwandte heiraten. | [email protected]_ofhistory

Diese Meinung hält sich hartnäckig: Wenn enge Blutsverwandte sich miteinander fortpflanzen, entstehen daraus degenerierte Mutanten, die in The Hills Have Eyes-Manier vor sich hinvegetieren und durch ihre bloße Existenz die Grundfesten unserer Gesellschaft zerstören. Inzest gilt als DIE moralische Katastrophe überhaupt – gemeinsam mit den beiden anderen großen Tabus: Kannibalismus und Mord. Deswegen ist der Geschlechtsverkehr zwischen Eltern und Geschwistern in Deutschland auch gesetzlich verboten. Begründung: Die „Vermeidung schwerwiegender genetisch bedingter Erkrankungen bei Kindern aus Inzestverbindungen“. Ahja.

„Du Missgeburt, deine Eltern sind Geschwister!“

Ödipus, der seinen Vater erschlug und seine Mutter heiratete. Die wahrscheinlich ärmste Sau der Mythologie | Wikimedia

Ödipus, der seinen Vater erschlug und seine Mutter heiratete. Die wahrscheinlich ärmste Sau der Mythologie | Wikimedia

Klar, wissenschaftlich ist es ganz eindeutig bewiesen, dass Kinder dort mit Erbkrankheiten geboren werden, wo beide Elternteile jeweils „kranke“ rezessive Erbanlagen in den genetischen Lottotopf geworfen haben. Aber: Das passiert auch oft genug, wenn Mutter und Vater nicht miteinander verwandt sind. Da heißt es dann: Pech gehabt.

Wenn jetzt aber genetisch bedingte Erkrankungen die juristische Begründung dafür sind, dass zwei Personen, die sich lieben, sich nicht miteinander fortpflanzen dürfen, dann dürften Menschen mit Erbkrankheiten in der Familie konsequenterweise eigentlich auch keine Kinder zeugen. Oder? Böse, böse. Schwierig, schwierig.

Willkommen in Sodom und Gomorrha?

Genau mit dieser Begründung verlangte der Deutsche Ethikrat 2014 eine Abschaffung des Inzestverbots. Nach dem Motto: „Sexuelle Selbstbestimmung über alles!“ Auch, wenn das so ziemlich niemandem gefällt. Außer den wenigen GSA-lern, die es gibt. Für alle, die inzestuöse Liebe für pervers und widerlich halten (also so ca. 98% der Bevölkerung) kam zum Glück nach einem kurzen, entrüsteten Aufschrei die Entwarnung: Inzest ist und bleibt in Deutschland ein Verbrechen.

Quelle: Pexels

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In den USA übrigens auch. Dort sind Ben und seine Mutter-Freundin Kim inzwischen untergetaucht. Niemand weiß, ob sie ihr heißersehntes Baby inzwischen bekommen haben. Es wäre klüger von ihnen, es diesmal nicht den Zeitungen zu melden.

Titelbild: Pexels