Für sie ist es ein ganz normales Date. Für ihn ist es die Erfüllung seines kannibalistischen Triebes. Denn er hat sie wortwörtlich „zum Essen“ eingeladen. Sie will ihm Deutsch beibringen und ihm Gedichte vorlesen. Stattdessen wird Renée Hartevelt die Fleischeinlage in Issei Sagawas Eintopf. Doch statt einer Verurteilung erwartet den Mörder ein Leben in Saus und Braus — als Pornostar. Ein beispielloser Kriminalfall nimmt seinen Lauf.

Renée Hartevelt ist alles, was Issei Sagawa nicht ist: Sie ist groß, schön und beliebt bei ihren Kommilitonen. Er ist nur 1,48m groß, gilt als komischer Kauz und hat keine Freunde. Dass er sich jeden Abend Huren in seine Studentenbude kommen lässt und fantasiert, wie er sie ausweidet und auffrisst, ist sein dunkles Geheimnis.

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Links: Renée Hartevelt, Issei Sagawas Opfer. Rechts: Dieses Portrait zeichnete der Kannibale von seinem Opfer. (Quelle: Murderpedia.org, YouTube.co)

Am Abend des 11. Juni 1981 sitzt die Niederländerin in seinem Zimmer. Sie hat ihm den Rücken zugedreht und liest ein Gedicht vor. Ein Tonband nimmt auf, wie sich Sagawa von hinten anschleicht, mit einem Gewehr auf Renée Hartevelts Hinterkopf zielt — und abdrückt. Sie ist sofort tot. Und Issei Sagawa tut das, wovon er schon seit 32 Jahren träumt: Er isst Renées toten Körper.

Mit so viel Fettgewebe habe er nicht gerechnet, wird er später in einem Interview sagen.

Er habe ja keine Ahnung von der menschlichen Anatomie gehabt. Aber der Nacken sei am leckersten. Schließlich legt er Renées rotes Fleisch frei, gräbt seine Finger hinein und isst es roh. Zum Schluss hat Sagawa Sex mit der Toten.

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Sein Verbrechen verarbeitete Sagawa in Texten und in Zeichnungen. Sich selbst stellt er als kleinen, roten Teufel dar. (Quelle: Kaskus.co.id)

Gefasst wird er zwei Tage später. Sagawa war einem älteren Ehepaar aufgefallen, als er versuchte, Renées Überreste in einem See zu versenken. Das, was von ihr übrig ist, passt in zwei kleiner Koffer. Der Rest von ihr liegt in Sagawas Kühlschrank: Drei Etagen, vollgestopft mit Fleisch, auf dem Tisch Teller und Platten mit Renée Hartevelts Innereien. Blutspuren vor dem Bett deuten darauf hin, dass Sagawa neben und mit der Leiche geschlafen hat. Die entsetzten Beamten nehmen ihn fest.

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Der Koffer mit den Überresten des Opfers. (Quelle: Santiagostelley.com)

Die Bilder des unscheinbaren Mannes, der sich von den Pariser Polizisten abführen lässt, gehen um die Welt. Er schaut selbstgewusst in die Kameras, alle Schüchternheit scheint verflogen. Dieser verstörende Auftritt lässt ihm die ersten Herzen zufliegen.

Issei Sagawa am 17. Juni 1981, einen Tag nach seiner Verhaftung. (Quelle: Murderpedia.org)

Was nun folgt, ist ein beispielloser Justizirrtum, der den Aufstieg Sagawas zur wahrscheinlich bizarrsten Ikone der Pop(p)kultur perfekt macht: Weil die französischen Gutachter ihn als unzurechnungsfähig einstufen, bleibt ihm der Knast erspart. Issei Sagawas Vater besorgt die besten Anwälte, die seinen Sohn aus der französischen Psychiatrie holen und nach Tokio zurückbringen lassen. Im Matsuzawa-Krankenhaus stellen die Ärzte fest: Issei Sagawa hat die Franzosen angelogen. Sein Drang, Frauen zu essen, entspringe lediglich einer sexuellen Perversion, ansonsten sei er geistig vollkommen gesund.

Sagawa ist nicht psychisch krank — sondern pervers.

Damit gehört Issei Sagawa nicht in die Psychiatrie, sondern hinter Gitter. Doch Unterlagen und Gutachten aus Frankreich werden nicht nach Japan überstellt; Sagawa kommt frei. Er ist es bis heute. Und macht seine Perversion zu Geld.

Ein Kannibale, der gefüttert wird… (Quelle: Santiagostelley.com)

Ein Kannibale, der gefüttert wird… (Quelle: Santiagostelley.com)

Romane hat er veröffentlicht, an Kochshows (!) hat er teilgenommen und in mehreren Pornofilmen mitgespielt. Am liebsten inszeniert man ihn dort als bösen Wolf, der junge Mädchen reißt — Szenen, die zu recht die Frage aufkommen lassen, wer eigentlich perverser ist: Der Kannibale Sagawa oder diejenigen, die sich auf den Kannibalenporno einen runterholen.

Paradoxer geht es kaum: Der Kannibale Sagawa nimmt an Kochshows teil…

Die Opfer der Geschichte sind Renée Hartevelt und ihre Eltern. Ihre Mutter traut sich kaum noch vor die Tür, Interviews gibt die Familie nicht. Man kann sich nicht vorstellen, welche Narben die buchstäbliche Ausschlachtung ihrer Tochter bei ihnen hinterlassen haben muss. Durch einen Täter, der Interviews dazu nutzt, junge Frauen zu bitten, sich als Mahlzeit bei ihm zu melden. Und durch eine Öffentlichkeit, die Issei Sagawa als „dunklen Helden“ verehrt. Warum auch immer.