Hätte seine Großmutter gewusst, was der Nachbar im Schilde führte, sie hätte Chen Jie nie mit ihm gehen lassen. Ihr fünfjähriger Enkel hatte neben ihrem Gemüsestand auf dem Wochenmarkt gespielt, seine Mutter wollte ihn später abholen. Stattdessen kam der fremde Mann: “Seine Eltern schicken mich, ich soll den Kleinen nach Hause bringen.” Chen Jie bekam eine Handvoll Bonbons und ging mit – seitdem ist er verschwunden. Und mit dem kleinen, pausbäckigen Jungen ging das Lebensglück seiner ganzen Familie – wahrscheinlich für immer. Ihre Geschichte ist kein Einzelfall. Über Chinas skrupelloses Geschäft mit der Ware Kind.

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Inzwischen sind Kindesentführungen zu einer Epidemie geworden

Schätzungsweise 70.000 Kinder verschwinden jedes Jahr von Chinas Straßen. Besonders in den ländlichen Regionen, wo die Familien arm sind, schlagen die Kidnapper zu. Kinder werden weggelockt, in Autos gezerrt oder auf Motorrädern mitgenommen. Die meisten von ihnen werden an kinderlose Familien verkauft. Andere zu Sexsklaven gemacht. Den Familien sind die Hände gebunden. Die Regierung versucht, die Entführungen zu vertuschen und Polizisten dürfen erst nach 24 Stunden mit der Suche beginnen. Selbst dann, wenn Augenzeugen die Verschleppung beobachtet haben. Lächerlich? Aber hallo.

Kaum ein Kind kehrt je zurück

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Nur in Ausnahmefällen können die verschwundenen Kinder gerettet werden. Die Eltern opfern nicht selten ihr ganzes Vermögen, um ihren Nachwuchs zurückzubekommen. Ist die Suche erfolglos, zerbrechen neben Herzen und Träumen oft auch ganze Familien.

Denn ein Leben ohne Kind gilt in China als großes Unglück.

“Es fühlt sich an wie ein Messer in meinem Herzen”, schluchzt Chen Jies Mutter. Je länger ihr kleiner Sohn verschwunden bleibt, desto größer ist die Wahrscheinlichkeit, dass sie ihn nie wiedersehen wird. “Es ist psychische Folter”, ergänzt sein Vater, “wir wissen nicht, ob unser Sohn lebt oder ob er tot ist. Bekommt er genug zu essen? Wird er geschlagen? Kümmert sich jemand um ihn? Sagt er zu jemand anderem jetzt ‘Mama’ und ‘Papa’?”

Den Kinderhändlern geht es nur ums Geschäft

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Eine von ihnen ist Wang Lee. Für Wang Lee sind Menschen in erster Linie eine Ware, die sich für mehr oder weniger Geld verkaufen lässt. Früher handelte er mit Frauen, seit einigen Jahren hat er sich auf Kindesentführungen spezialisiert. Manchmal greift er sich besonders hübsche Kinder von der Straße und verschachert sie an reiche Familien oder Bordelle. Manchmal heuern arme Familien, die von der Regierung keine Genehmigung für ein Baby bekommen haben, ihn an. Sie hoffen, dass Wang Lee ihrem Kind ein besseres Leben ermöglicht.

“Die Kinder müssen jung sein. Dann finden sie den Weg nach Hause nicht von allein.”

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Als vor ein paar Jahren seine Frau starb, sah sich der Menschenhändler selbst gezwungen, seinen jüngsten Sohn zu verkaufen. “Das war nicht leicht”, sagt er mit seiner sehr leisen, sehr ruhigen Stimme, “Ich habe keinen besonders guten Preis für ihn heraushandeln können.” Sein älterer Sohn sitzt daneben, verbittert über seinen Schulaufgaben. Er habe seinen Vater lange dafür gehasst, sagt er. “Ich vermisse meinen Bruder. Dieses Jahr wäre er neun geworden.” Er wird ihn nie wieder sehen.

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