Er trägt einen Fahrradhelm, an dem ein riesiger Betonbrocken hängt, so breit wie er selbst. Trotzig ruckt Nat mit seinem Kopf, um das improvisierte Gewicht gegen die Schwerkraft zu heben. Immer und immer wieder. Der Elfjährige stählt seinen Nacken für den wichtigsten Kampf seines bisherigen Lebens. Jeden Tag trainiert er mindestens vier Stunden und isst kaum, weil er Gewicht verlieren muss. Sein Gegner wird 12 Jahre alt sein, etwas älter als er, aber bereits ein Boxchampion. Nat darf nicht verlieren; von seinem Sieg hängt ab, ob seine Familie durchkommt. Über das harte Leben von Thailands “Muay Thai Boys” und ihrem verzweifelten Kampf ums Überleben.

Brutale Techniken, die eigentlich verboten sind

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Nat Thanarak ist einer von Thailands 30.000 Kinderkämpfern. Seit er sieben Jahre alt ist, trainiert er “Muay Thai”, besser bekannt als “Thaiboxen”. Thailands Nationalsport gilt als eine der härtesten Kampfsportarten der Welt; hier sind Techniken erlaubt, die anderswo strikt verboten sind, weil sie zu ernsten Verletzungen führen können: Schläge gegen den Kopf, Ellbogen- und Kniehiebe gehören zum festen Repertoire.

Gewinnen, um das Überleben zu sichern…

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Deswegen trainieren die kleinen Jungen ihre Körper mit unbarmherziger Härte: Wer zu weich ist, hält die brutalen Kämpfe nicht aus. Und aushalten müssen sie, denn die meisten Kinderkämpfer kommen aus den bettelarmen Regionen Thailands. Mit ihren Auftritten im Ring sichern sie das Überleben ihrer Familien und manchmal ganzer Dörfer. Ein ungeheurer Druck lastet auf den seltsam muskulösen Schultern der minderjährigen Muay Thai Boys. Sie haben keine Wahl. Auch Nats Augen werden leer, wenn man ihn fragt, ob er den Sport auch ausüben würde, wenn er nicht müsste. “Ich weiß nicht…”, murmelt er ausweichend.

Die Spätfolgen sind fatal.

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Die harten Schläge und Tritte auf und gegen den Kopf, die die Kinderkämpfer regelmäßig einstecken müssen, bleiben nicht ohne Folgen. Gehirnscans der blutjungen Boxer zeigen: Jeder Stoß verursacht Schäden im empfindlichen Gewebe. “Je jünger die Patienten sind, desto schlimmer die Spätfolgen”, erklärt die Professorin Jiraporn Laothamatas vom Klinikum Bangkok.

“Im schlimmsten Fall kann es in jungen Jahren zu einer Form der Demenz kommen.”

Die Armut lässt ihnen keine Wahl

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“Aber wenn er mit den Kämpfen kein Geld verdient, muss ich wie meine Frau nach Bangkok gehen und mir dort einen Job suchen. Die Kinder müsste ich allein hier zurücklassen.” – Nats Vater Watchara

Und so beißt Nat die Zähne zusammen und läuft seine täglichen 8 Kilometer-Lauf in der prallen Mittagshitze. Dick eingemummelt in einen Trainingsanzug, um Wasser zu verlieren. Er tut es für die Familie. Und für die umgerechnet 1.100 Euro Wetteinsatz, die das ganze Dorf bei seinem nächsten Kampf auf ihn gesetzt hat. Gewinnt er, bekommt seine Familie einen kleinen Teil davon ab. Und sie haben wieder für ein paar Tage etwas zu essen.

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