Als ich 14 war, tötete ein Schulkamerad von mir eine Prostituierte. Er erstach die Frau, weil er Geld für eine Autoreparatur von ihr stehlen wollte. Als die Geschichte damals die Runde machte, reichten die Kommentare auf dem Schulhof von „Wie dumm kann man sein?“ bis hin zu „Hätte ich dem nicht zugetraut.“ Immer das Gleiche: Sobald jemand wegen Mordverdachts festgenommen wird, will keiner was geahnt haben. Mitglieder der Internet-Community Reddit diskutieren jetzt, ob das stimmen kann – und baten User, von ihren Bekanntschaften mit Mördern zu berichten.

Mein Nachbar, der Mörder

Mike Hensley, Quelle: limaohio.com

Mike Hensley, Quelle: limaohio.com

„Als ich noch klein war, waren meine Eltern mit einem Mann namens Mike Hensley befreundet. Ich fand ihn immer etwas komisch, aber ich war noch so jung, dass meine Meinung eh nicht zählte. Außerdem hatte er mir nie etwas getan – er wirkte nur eben seltsam. Eines Tages lud er meine Mutter zu sich ein. Sie lehnte ab, weil sie an dem Tag noch eine Wurzelbehandlung beim Zahnarzt hatte. Ein paar Tage später klopfte er wieder an unsere Tür. Aus irgendeinem Grund öffnete sie ihm auch diesmal nicht. Am gleichen Tag tötete Hensley vier Menschen – einer davon ein bekanntes Mitglied unserer Kirche. Er mordete noch einmal, im Gefängnis, rund zehn Jahre später. Seine Taten haben seinerzeit die ganze Stadt aufgerüttelt. Ich zucke immer noch zusammen, wenn sein Gesicht in den Nachrichten auftaucht. Vor allem letztes Jahr. Da hat er sich umgebracht.“ -crazyrockerchick

Mike Hensley aus Sidney (Ohio) tötete im Juli 1999 drei Teenagerinnen – zwei Mädchen erschoss er, eine 14-jährige erstach er mit einem Messer. Anschließend tötete er den Lehrer der Sonntagsschule seiner Gemeinde. Hensley wurde zu lebenslanger Haft ohne Chance auf Bewährung verurteilt. Am 21. Juni 2015 nahm er sich im Gefängnis das Leben.

Der Sohn des BTK-Killers

„Ich lernte den Sohn des BTK-Killers damals bei der Navy kennen. Er war selbst ein bisschen merkwürdig und ein Eigenbrötler. Wahrscheinlich, weil die Leute ihn immer wieder über seinen Vater ausfragten. Er hat nie wirklich von sich aus über ihn gesprochen, sagte immer, es sei ihm verboten worden – aber ein, zwei Leuten hat er sich dann doch anvertraut. Er erzählte, sein Dad sei ein ganz normaler Vater gewesen. Anscheinend hatte der vor der Geburt seines Sohnes ein paar Leute getötet, dann aufgehört als die Kinder da waren und wieder angefangen, als die Kids aus dem Haus waren und ihm langweilig wurde.

Dennis Rader mit seiner Tochter, Quelle: usatoday.com

Dennis Rader mit seiner Tochter, Quelle: usatoday.com

Er spielte ein Katz-und-Maus-Spiel mit der Polizei, indem er ihnen Briefe und E-Mails schrieb und angab, sie würden ihn niemals kriegen. Nunja – sie fassten ihn schließlich doch. Die Polizisten holten seinen Sohn damals aus der U-Boot-Schule der Navy um ihn zu befragen. Bis zu diesem Zeitpunkt hatte er nicht einmal in seinen kühnsten Träumen gedacht, sein Vater könne zu solchen Verbrechen fähig sein.“ –Bobsweeper

Dennis Rader tötete zwischen 1974 und 1991 mindestens acht Menschen und spielte der Polizei in dieser Zeit verschiedene Botschaften zu, in denen er sich selbst den Namen „BTK-Killer“ gab. BTK stand dabei für seinen modus operandi: „Bind“ (fesseln), „Torture“ (foltern), „Kill“ (töten). 2004 begann Rader erneut damit, der Polizei Pakete und Nachrichten zu schicken, die ihn letztendlich überführten. Dennis Rader wurde 2005 zu zehnmal lebenslänglich verurteilt.

Blind-Date mit einer Mörderin

Lee Harvey und Tracie Andrews

Lee Harvey und Tracie Andrews

„Meine Freunde hatten für mich ein Blind-Date mit einer Frau namens Tracie Andrews organisiert. Ich fand sie sehr sonderbar, also habe ich sie nicht wieder getroffen. Zwei Jahre später tötete sie ihren Verlobten. Was ich an dieser ganzen Geschichte besonders interessant finde ist, dass ich in meinem Leben schon häufiger nur knapp dem Tod entkommen bin. Ich frage mich langsam, ob ich mich nun als Glückspilz oder als Unglücksrabe bezeichnen soll …“ –americanpegasusPA

Tracie Andrews tötete 1996 ihren Verlobten Lee Harvey mit 42 Stichen, nachdem sich die beiden auf dem Nachhauseweg im Auto gestritten hatten. Andrews erzählte der Polizei zunächst, ein fremder Autofahrer sei ausgerastet und habe Harvey in seiner Raserei getötet. Tracie Andrews wurde zu 14 Jahren Haft verurteilt und ist seit 2012 wieder auf freiem Fuß.

Kann man jemandem nun ansehen, ob er das Potenzial zum (Serien)mörder hat?

Die Wahrheit sieht wohl eher so aus: Nix hat irgendwer geahnt. Genauso wenig, wie ich meinem Schulkamerad einen Mord zugetraut hätte, ahnte Dennis‘ Raders Sohn etwas vom Doppelleben seines Vaters. Vielleicht liegt das auch ein bisschen an unserer eigenen Sicht auf die Welt: Selbst wenn einem das Blind-Date ein bisschen weird vorkommt, wer geht denn gleich davon aus, dass die Person so gefährlich werden kann, wenn ihr im Streit eine Sicherung durchbrennt? Genau: So ungefähr niemand. Finden wir uns damit ab: Wir können nicht in die Köpfe anderer Menschen gucken. Nie.

Titelbild: stevepb | Pixabay