Statt eines Menschen liegt ein Motorrad in seinem Bett. Es ist zugedeckt und der Arm des Mannes legt sich liebevoll um die motorisierten Hüften des Fahrzeuges. Das ist Liebe. Für den Mann. (Für das Motorrad vermutlich auch, es wird schließlich gut umsorgt.) Bei Objektophilie (auch bekannt als Objektsexualität) handelt es sich nicht um einen Fetisch, sondern um eine sehr seltene sexuelle Orientierung. Diese Menschen stehen auf Züge, Flugzeuge, den Eiffelturm, die Berliner Mauer… – und ja, sie haben auch Sex mit den Gegenständen. Diese fünf Fälle sind so spannend, wie sie bizarr sind.

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Beispielbild. Quelle: www.rurtalbiker.de/motorradliebe.jpg

Mehr als 1.000 Mal Sex – aber nicht mit Menschen…

Edward ist 66 Jahre alt und hatte bereits mehrere tausend Male Sex. Aber nur eine Liebschaft davon war eine Frau – der Rest waren Autos. Während andere Männer auf knackige Hintern und wackelnde Brüste starren, erregen nur Vorder- und Rückseiten von Pkws Edwards Aufmerksamkeit. Doch mittlerweile sind die wilden Jahre des Objektophilen vorbei und der Amerikaner hat sich festgelegt – sein Herz schlägt für seine Jugendliebe. Sie heißt Vanilla und ist ein über 30 Jahre alter VW Käfer – und wenn er sie berührt, ist das wahre Magie.

Hier seht ihr, wie innig es zwischen Edward und seinen Schätzen zugeht. (Quelle: YouTube.com/Barcroft)

Stahlhart, groß und weltbekannt – Zählt Größe also doch?

Es ist das Wahrzeichen Frankreichs – und Erikas große Liebe: Der Eiffelturm. Besichtigt ihr also den Eisenfachwerkturm in Paris, klettert ihr eigentlich auf der Ehefrau (für sie ist der Turm weiblich) von Erika herum. Okay, amtlich ist diese Eheschließung nicht, denn trotz einer emotionalen Zeremonie im Kreise ihrer Liebsten wurde die Vermählung nicht anerkannt. Die Namensänderung jedoch wurde genehmigt: Aus Erika LaBrie wurde Erika Eiffel.

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Erika Eiffel mit ihrer Ehefrau, dem Eiffelturm. Quelle: http://1.bp.blogspot.com

Leider musste Erika eine Fernehe führen, besuchte das leblose Objekt der Begierde jedoch regelmäßig. 2009 zog Erika btw nach Berlin und verknallte sich (auch, s.u.) in die Berliner Mauer. (Die Mauer scheint irgendwie scharf zu sein oder scharf zu machen?!)
Hatten Erika und ihre Frau, der Eiffelturm, auch Sex? Nein, hatten sie nicht. Es handelte sich dabei um eine „tiefe spirituelle, höchstemotionale Bindung“ ohne sexuelle Handlungen im herkömmlichen Sinne. Monogam lebt die Objektsexuelle jedoch nicht und sie hatte schon so einige Lover: Unter anderem die Golden Gate Bridge, einen Bogen, ein japanisches Schwert und ein Flugzeug. Ps: Über den Bogen sagte sie übrigens, er sei ein hervorragender Lover gewesen.

Atomkraft, ja bitte!

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Das hört sich jetzt ausgedacht an, ist es aber nicht: Innerhalb eines Jahres verwandelt sich eine Frau in einen Mann und verliebt sich in ein Atomkraftwerk. Sandro K. ist in einen Stahlkoloss verliebt: Das Atomkraftwerk Lubmin in Mecklenburg-Vorpommern. Bereits im Teenageralter bemerkte Sandro (früher Sandy), wie er sich statt zu Jungs oder Mädels zu Computern und Gebäuden hingezogen fühlte. Erst im Alter von 22 Jahren fand der Objektophile Gleichgesinnte im World Wide Web und fühlte sich endlich nicht mehr alleine. Und alles, was sich der Berliner wünscht, ist, einmal eine Nacht und einen Tag mit seinem Atomkraftwerk alleine zu sein. Doch das geht nicht… und so bleibt es also bei Besuchen, bei denen er immer wieder die Wände, Rohre und Geräte zärtlich berührt und ein bisschen träumt.

„Möchten Sie diese Mauer heiraten?“

Quelle: http://www.watson.ch/imgdb/1291/Qtablet_hq,E,0,0,566,272,235,113,94,45/2088381915272297

Eija-Riitta Eklöf-Berliner-Mauer und ihre Ehefrau. Quelle: http://www.watson.ch

Als Erfinderin des Begriffs „Objektophilie“ (oder auch Objektsexualität) gilt die Schwedin Eija-Riitta Wallis Winther Arja Nikki Lee Eklöf – die Ehefrau der Berliner Mauer. Ja, richtig gelesen. Die 62-Jährige war laut eigenen Angaben schon immer von fasziniert von der Mauer zwischen Ost und West und heiratete diese 1979 im Beisein eines Animisten* (*Anhänger einer ethnischen Religion). Bekannt wurde die Ehe zwischen Mensch und Mauer durch den Film „Berlinmuren“ von Lars Laumann.
Eija-Riitta Eklöf-Berliner-Mauer (wie sie sich selbst nennt) gilt als erste Objektsexuelle der Moderne. Übrigens: Der Fall der Berliner Mauer war für sie „einer der traurigsten Tage ihres Lebens.“

Und die Wissenschaftler so:

Nach wie vor gibt es kaum wissenschaftlichen Erkenntnisse zu Objektsexualität. Schätzungen zufolge haben nur ca. 200 Menschen in Deutschland den Drang, lieber eine Beziehung mit einem Gegenstand, einer Maschine oder einem Gebäude einzugehen, als mit einem Menschen. Bei einer Studie kam außerdem heraus, dass einige Betroffene einen Hang zum Autismus haben, dieses konnte aber noch nicht ausführlich belegt werden. Man munkelt, die Objektophilen würden mit ihrem Verhalten traumatische Erlebnisse bewältigen, doch auch das konnte bisher nicht bewiesen werden. Fakt ist: Es scheint sie zu geben und ihre Liebe scheint groß zu sein. Sie geben ihren Geliebten Namen, umsorgen sie und führen auch Gespräche mit ihnen.

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Photo credit: Denis Bocquet via Visualhunt / CC BY

Dürfen die das?

Wir finden ja. Je mehr Liebe, desto besser. Und es tut niemandem weh. Nächste Frage: Ist Liebe gleich Liebe? Nein, denn das Gefühl, welches wir dabei in uns tragen, ist völlig subjektiv. Was nicht bedeutet, dass diese Menschen die Gegenstände und Gebäude nicht lieben. Die Faszination für Menschen mit Objektophilie bleibt weiterhin bestehen. Kein Wunder, wir wissen genug, um neugierig zu sein, aber zu wenig, um sie so richtig zu verstehen. Abschließen kann man diesen Artikel nur mit den berühmt berüchtigten Worten von Lilo Wanders, Moderatorin der Sendung Wa(h)re Liebe: „Öffnet die Herzen und herzt die Öffnungen.“

 

Quelle Titelbild: Photo via Visualhunt.com