Zwei hochbegabte Teenager aus reichem Hause und grenzenlose Langeweile: Nach außen hin sind Nathan Leopold (19) und Richard Loeb (18) Vorzeigesöhne wie sie im Buche stehen. Doch hinter der Fassade liegen ungeahnte Abgründe. In ihren Köpfen sind sie nicht einfach nur „anders“, sondern „besser“ als ihre Mitmenschen. Um ihre Überlegenheit zu demonstrieren, planen sie, das „Verbrechen des Jahrhunderts“ zu begehen: Den perfekten Mord.

Das Opfer: Robert „Bobby“ Franks (l.) mit seinem Vater (r.) | Quelle: wttw.com

Das Opfer: Robert „Bobby“ Franks (l.) mit seinem Vater (r.) | Quelle: wttw.com

Es ist Mittwoch, der 21. Mai 1924, als der kleine Robert Franks, den alle liebevoll „Bobby“ nennen, auf dem Rücksitz eines Mietwagens erstickt wird. Wahrscheinlich bekommt er davon nicht mehr viel mit, denn sein Cousin Richard Loeb hat ihm vorsorglich mit einem Meißel den Schädel zertrümmert.

Als der 14-jährige Bobby tot ist, stopft Richard die Leiche in den Fußraum und klettert zurück nach vorne, neben seinen besten Freund Nathan Leopold. Phase 1 ihres perfekten Mordplans ist geglückt. Sieben Monate haben sie an der Idee gefeilt, ein Menschenleben auszulöschen. Aus Langeweile.

Ihren Erfolg feiern sie jetzt mit Hotdogs und Root Beer, während Bobbys Leiche zu ihren Füßen langsam kalt wird.

Nun beginnt Phase 2: Nathan kennt ein abgelegenes Fleckchen Land in Hammond, Indiana, wo man Bobby loswerden kann. Er beobachtet dort häufig Vögel – sein liebstes Hobby. Bobby Franks letzte Ruhestätte wird ein Abflussrohr in einem Graben, nachdem seine Mörder ihm das Gesicht und die Genitalien verätzt haben. Nathan und Richard fahren nach Hause und rufen Bobbys Mutter an. Mrs. Franks ist entsetzt, als der fremde Anrufer Lösegeld für ihren kleinen Sohn fordert. Weil sie Richard seit dessen Kindheit gut kennt, ist es Nathan, der mit ihr spricht.

Der Graben, in dem Bobby Franks Leiche gefunden wurde | Quelle: camelsnose.files.wordpress.com

Der Graben, in dem Bobby Franks Leiche gefunden wurde | Quelle: camelsnose.files.wordpress.com

Nathan und Richard lachen sich am anderen Ende der Leitung ins Fäustchen. Nicht nur, dass der angeblich entführte Sohnemann längst in einem Abflussrohr vor sich hin modert, jetzt haben sie auch noch dessen vermögende Familie an der Angel. Nun sind sie endgültig die „Übermenschen“, von denen Nietzsche schrieb, sie stünden aufgrund ihrer Genialität über dem Gesetz. Zumindest glauben sie das. Richard macht sich in den nächsten Tagen sogar einen Spaß daraus, mit Polizisten und Reportern zu sprechen. „Wenn ich jemanden ermorden wollte, dann sicherlich auch so einen verwöhnten kleinen Hurensohn wie Bobby Franks“, sagt er einem Detective.

Das Erpresserschreiben, das Leopold und Loeb verfassten. Unterschrieben ist es mit dem Pseudonym „George Johnson“ | Quelle: homicide.northwestern.edu

Das Erpresserschreiben, das Leopold und Loeb verfassten. Unterschrieben ist es mit dem Pseudonym „George Johnson“ | Quelle: homicide.northwestern.edu

Doch es dauert nicht lange, bis Nathan Leopold und Richard Loeb feststellen, dass ihr „perfekter Mord“ alles andere als perfekt ist.

Das Erpresserschreiben, in dem sie 10.000 Dollar von der Familie Franks fordern, verrät selbst dem naivsten Leser ihren Narzissmus und ihren Größenwahn. Außerdem vergessen die beiden Möchtegern-Verbrechergenies die Macht des Zufalls. Bobbys toter Körper wird sehr schnell gefunden. Neben ihm liegt eine runde Hornbrille. Eine Spezialanfertigung, die so in Chicago nur drei Mal verkauft worden ist. Einer der Käufer: Nathan Leopold. Außerdem wird die kleine Schreibmaschine entdeckt, auf der das Erpresserschreiben getippt wurde. Sie gehört Richard Loeb. Beim Verhör verstricken sich die beiden Teenager in Widersprüche und beschuldigen sich jetzt, da Leugnen nichts mehr hilft, gegenseitig des Mordes.

Der Gerichtsprozess schlägt ein wie eine Bombe. Dass zwei nicht einmal volljährige Jungs aus der amerikanischen Upperclass aus „Langeweile“ einen Mord begehen, nur, um ein bisschen „Spektakel“ in ihr Leben zu bringen, ist dem ganzen Land unbegreiflich. Jetzt sehen plötzlich alle die Psychopathen, die die beiden in Wahrheit sind.

„Die Entscheidung zu treffen, einen Mord zu begehen oder nicht, war praktisch dasselbe, wie die Entscheidung zu treffen, einen Kuchen zum Abendbrot zu essen oder nicht.“

– Nathan Leopold

Leopold (l.) und Loeb (m.) mit ihrem Verteidiger Clarence Darrow (r.) | Quelle: charlotteobserver.com

Leopold (l.) und Loeb (m.) mit ihrem Verteidiger Clarence Darrow (r.) | Quelle: charlotteobserver.com

Ihre Eltern besorgen ihren Söhnen den besten Anwalt, der für Geld zu haben ist: Clarence Darrow. Er soll Nathan und Richard vor der Todesstrafe retten. Psychiater werden einbestellt, um Nathan und Richard zu analysieren. Sigmund Freud sagt nur deshalb ab, weil er zum Prozessauftakt leider krank ist. Den Ärzten fällt vor allem auf, wie gefühlskalt die beiden Jungen sind. Sie entschuldigen sich kein einziges Mal für ihre Tat.

Ihrem Anwalt gelingt das Unmögliche.

Weil sie noch minderjährig sind, Bobby Franks „nur“ getötet und nicht gefoltert haben und den Mord alleine niemals begangen hätten, entgehen sie dem elektrischen Stuhl. Sie kommen lebenslänglich hinter Gitter, wo Richard Loeb zwölf Jahre später von einem Häftling getötet wird. Nathan Leopold kommt 1958 auf Bewährung frei. Er lässt sich in Puerto Rico nieder, heiratet und wird Vogelkundler. Richards Tod ist das einzige Ereignis in seinem Leben, das ihn emotional wirklich berührt.