Der zweijährige Ben schreit, als seine Mutter Sabine ihm eine Spritze tief in den Arm rammt und emotionslos eine flüssige Mischung aus Urin und Kot in seine Adern pumpt. Später fällt Ben in eine Art komatöses Fieber, woraufhin er ins Krankenhaus eingeliefert wird. Den Ärzten wird Sabine als eine vorbildliche Mutter auffallen, die ihren Sohn liebevoll umsorgt. Und dann, wenn niemand hinsieht, wieder quält. Doch Sabine ist nicht die einzige Mutter, die unter dem sogenannten „Münchhausen-Stellvertretersyndrom“ leidet. Was es mit diesem Syndrom auf sich hat, wodurch es ausgelöst wird und wie die Heilungschancen stehen, lest ihr jetzt.

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„Mama, warum tust du mir weh?“

Mütter, die ihre Kinder bewusst krank machen, um sie dann in ärztliche Behandlung zu geben, leiden unter einer psychoneurotischen Störung, die sich „Münchhausen-Stellvertretersyndrom“ nennt.  Während sie daheim ihre Kinder manchmal bis zur Besinnungslosigkeit foltern, spielen sie im Krankenhaus die perfekte Mutter, die sich für ihr Kind aufopfert und nicht von seiner Seite weicht. Davon erhoffen sie sich die Anerkennung und Aufmerksamkeit, die sie persönlich nie bekommen haben.

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Wenn Opfer zu Tätern werden

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Meistens handelt es sich bei den Tätern, von denen 90% Frauen sind, selber um Missbrauchsopfer, die das in der Kindheit erlittene Trauma nie überwältigen konnten und nun an ihre Kinder weitergeben. Auffällig ist auch, dass die Täterinnen meistens überdurchschnittlich intelligent sind und medizinische Kenntnisse haben, sodass sie ihren Kindern schwer diagnostizierbare Schäden zufügen können. Da diese Mütter Meister im Verstellen und Lügen sind – wie der namengebende Lügenbaron Münchhausen- können sich die Ärzte oft nicht vorstellen, dass eine Mutter so grausam mit ihrem Kind umgehen kann, weshalb viele der Missbrauchsfälle nie aufgedeckt werden.

404 – Beweise not found

Schätzungsweise sind weltweit ungefähr zwei von 100.000 Kindern unter 16 Jahren betroffen. Die Dunkelziffer soll Wissenschaftlern zur Folge allerdings um einiges höher sein. Meistens müssen die Ärzte viele kleine Puzzleteile zusammensetzen, bis sich ein eindeutiges Krankheitsbild ergibt. Aber selbst dann ist es schwierig, genügend Beweise zu sammeln, um Anzeige erstatten zu können. In Deutschland ist es nämlich nicht erlaubt, Videokameras in Krankenzimmern zu installieren und bis Ärzte sich trauen, ihre Schweigepflicht zu brechen, kann manchmal eine Ewigkeit vergehen.

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Therapie ist zwecklos

Wenn die Gräueltaten aufgedeckt und die Mütter verantwortlich gemacht werden, drohen ihnen oft Bewährungs- oder Haftstrafen oder der Verlust des Sorgerechts. Doch von Reue und langfristiger Heilung kann selten die Rede sein. Kaum eine Mutter räumt ein, ihr Kind tatsächlich missbraucht zu haben und wenn doch, dann geschieht das nur aus Kalkül, um sich der nervenaufreibenden Therapie zu entziehen. Und dann, wenn niemand hinsieht, wieder quälen zu können.

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