Wie es sich wohl anfühlt, mit zarten 18 Jahren mutterseelenallein in einem kalten Bretterverschlag im Sterben zu liegen, verbannt von der eigenen Familie, weil man seine Tage hat? Wie lähmend muss die Angst sein, wenn einem bewusst wird, dass der stechende Schmerz in Bein und Kopf vom Biss einer Giftschlange herrührt und nicht etwa von dem unbequemen Holzbrett, das einem als Bett dient? Wie grausam die Erkenntnis, dass die Straßen zum nächstgelegenen Krankenhaus wegen des Monsunregens gesperrt sind? Und das Wissen, dass man stirbt, wegen einer Tradition, die schon längst verboten ist…

Tulasi Shahi kann es uns nicht mehr erzählen. Die 18-jährige Nepalesin hat ihr “Chhaupadi” nicht überlebt. Denn während sie wegen ihrer Monatsblutung nach draußen verbannt wurde, biss sie eine Giftschlange – und niemand konnte sie mehr retten. Und sie ist nicht das einzige Mädchen, das diese “Unsitte” in kurzer Zeit mit dem Leben bezahlt.

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“Chhaupadi” ist eine grausame, menschenunwürdige und erniedrigende Tradition für alle Frauen, die davon betroffen sind. Der alte Hindu-Ritus besagt, dass Frauen während ihrer Monatsblutung “unrein” seien und sich vom Familienleben und ihren Angehörigen fernhalten müssen. In der Realität heißt das meist: Verbannung unter katastrophalen Bedingungen.

Schutzlos zwischen Ungeziefer und Giftschlangen

Und zwar in kleinen, abgeschiedenen Hütten, die ungeheizt und ungesichert sind. Die Frauen und Mädchen schlafen unter katastrophalen hygienischen Bedingungen auf dem Boden, dürfen sich nicht waschen, kaum etwas essen, nicht die Schule besuchen und sind Freiwild für Männer, die sich nachts in ihre Verschläge schleichen, um sie zu vergewaltigen.

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Die Hälfte aller Frauen praktiziert Chhaupadi

Eigentlich ist Chhaupadi in Nepal bereits seit 2005 (!) verboten, aber der Staat kümmert sich nicht besonders gut um seine Töchter. Vor allem im Westen und Südwesten des Landes, wie dem Distrikt Dailekh, wo Tulasi Shahi aufwuchs und starb, ist die Tradition quicklebendig: Bis zu 50% der Frauen auf dem Land praktizieren Chhaupadi.

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Warum seine kleine Schwester während ihrer Tage in einem Kuhstall voller Giftschlangen schlafen musste, statt in ihrem eigenen, sicheren Bett? Tulasis Bruder Prem weiß es auch nicht:

“Ich glaube, sie hat das gemacht, weil meine Großmutter es gemacht hat und meine Mutter ebenfalls.”

Und ihre Cousine Kamala fügt anklagend hinzu: “Hätte man sie rechtzeitig behandelt, könnte sie jetzt noch leben.”

Regelmäßig kommen Mädchen während ihrer Menstruation ums Leben. Und Tulasi ist nur eine von Vielen.

Kein Einzelfall…

Im Dezember 2016 erstickte ein erst 15 Jahre altes Mädchen qualvoll in seiner eiskalten Hütte, als es versuchte, sich ein Feuer für die Nacht anzuzünden. Vier Monate später erkältete sich eine 14-jährige in ihrem zugigen Verschlag so stark, dass sie an einer schweren Infektion starb.

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Und trotzdem schicken Familien ihre Mütter, Töchter und Schwestern einmal im Monat in die Verbannung – die lebensgefährlich sein kann. Und wer soll sie retten, wenn es bereits verboten ist?! Unfassbar traurig.

Quelle Titelbild: Juan Giordanno