Rukiya wehrt sich heftig. Fünf Frauen sind nötig, um die 12-Jährige auf dem Lehmboden zu fixieren, der noch mit dem Blut ihrer älteren Schwester getränkt ist. “Ich sterbe, Mama, sie bringt mich um!”, kreischt Rukiya verzweifelt – und es ist statistisch nicht unwahrscheinlich, dass sie damit Recht hat. Denn was hier gerade im Gang ist, ist Rukiyas “Infibulation”, die brutale Verstümmelung ihrer Genitalien. Ohne Betäubung, mit Rasierklingen, Glasscherben und stumpfen Skalpellen. Niemand wird Rukiya trösten, nachdem ihre Vagina zusammengenäht ist. Es ist grausame Normalität. Wieso nicht einmal die Frauen dort ihr helfen, was das soll und über die grausamste Hochzeitsnacht, die man sich vorstellen kann…

Wichtigste Begründung: Tradition

Dass im Judentum und im Islam kleine Jungs im Rahmen der religiösen Überzeugung ihrer Eltern beschnitten werden, wissen wir alle (was den Brauch nicht weniger verwerflich macht). Die Praxis der weiblichen Genitalverstümmelung ist dagegen eher aus einer alten Tradition heraus geboren.

Vor allem in West- und Nordostafrika werden junge Mädchen mit dem Eintreten der Pubertät von anderen Frauen “beschnitten”. In einigen Ländern sind es bis zu 90%.

“Wir halten die Mädchen so davon ab, herumzuschlafen”, sagt eine Beschneiderin. Eine Teenagerin ergänzt: “Dann sind wir nicht mehr unrein. Kein Dreck mehr. Es sieht schön aus, wenn sie weg ist.”

“Kein Winkel, wo Dreck eindringen kann.”

In vielen afrikanischen Ländern wird die Klitoris einer Frau als böses Organ angesehen, das den Ehemann oder sogar die eigenen Kinder bei der Geburt verletzen und töten kann. Es ist ein verbreiteter Glaube, dass eine unbeschnittene Klitoris so lange weiter wächst, bis sie wie ein Penis aussieht. Und welcher Mann möchte eine solche Frau haben? Außerdem mache sie die Mädchen zu Sklavinnen ihrer Lust: “Die Klitoris richtet sich auf, wenn ein Mann mit ihr spricht” lautet ein Sprichwort.

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Vier Schweregrade des Schmerzes

Um sich den Horror bildlich vorzustellen, den die Mädchen bei einer solchen Verstümmelung erleiden müssen, reicht ein kurzer Blick auf die verschiedenen Beschneidungsformen. Bei der mildesten Variante wird ‘nur’ die Klitoris entfernt, sodass die Frau beim Sex kaum noch etwas spürt. Werden dazu auch noch die inneren Schamlippen entfernt, spricht man von einer “Exzision”.

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Werden Klitoris, innere Schamlippen und äußere Schamlippen weggeschnitten und die Vaginalöffnung des Mädchens mit Tierdarm zusammengenäht, hat man die schlimmste Form, das, was bei der 12-jährigen Rukiya gemacht wurde: Die “Infibulation”. Damit Urin und Menstruationsblut abfließen können, wird mit einem spitzen Gegenstand eine kleine Öffnung in den vernähten Unterleib gepiekst. Befragt man die Betroffenen, erzählen sie mit gesenktem Kopf, dass dieser “Abfluss” meist nicht reicht um sich sauber zu halten.

Der Horror der Hochzeitsnacht

Die Infibulation ist als Beschneidungsform vor allem deshalb so beliebt, weil sie dem Mann als sicherer Nachweis dient, dass seine Braut noch Jungfrau ist. Denn um mit ihr schlafen zu können, muss die vernarbte Hautfläche über der Vagina erst gewaltsam aufgerissen werden.

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Viele Frauen, die nicht bei der Beschneidung selbst verblutet sind, laufen daher Gefahr, ihre Hochzeitsnacht nicht zu überleben. Oder die offene Wunde entzündet sich. Nach Schätzungen der WHO sterben 25% der Mädchen während oder nach der Operation.

Wie ändert Traditionen?

Inzwischen gibt es verschiedene Hilfsorganisationen, die versuchen, gegen die Beschneidungen von Mädchen und Frauen vorzugehen, indem sie in die Dörfer gehen und dort Mütter, Lehrer und Hebammen aufklären.

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Und es gibt Kliniken, wo junge Frauen die Narben über ihren Vaginas öffnen lassen können, damit sie wenigstens dem Horror der Hochzeitsnacht entgehen können. Wenn ihre Ehemänner zustimmen und bereit sind, zu warten, bis die körperlichen Wunden verheilt sind. Die Seelischen sind eine andere Sache.

Tipp: Wer mehr über das Thema wissen möchte, dem empfehlen wir das Buch „Wüstenblume“ (gibt es auch als Film. 

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